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Beliebtes aus unserem Archiv: Erste Weltumradlung eines Deutschen

Heinrich HorstmannZwei Hemden, drei Paar Socken, eine Hand voll Ersatzteile fürs Fahrrad und eine große Flöte. Viel mehr nahm der erste deutsche Weltumradler nicht mit auf seine große Reise. Heinrich Horstmann startete 1895 von Dortmund aus, die Welt zu umradeln. 16 Kilo wog sein Fahrrad, das wenige Gepäck - insgesamt rund 15 Kilogramm - war in einer Rahmentasche und in einer kleinen Lederbox auf dem Hinterrad verstaut. Die Last auf seinen noch so jungen Schultern war groß. Der 21-Jährige Horstmann hatte (angeblich) gewettet, ohne einen Pfennig in der Tasche um die Welt zu radeln und mit 5000 Mark in Bar zurück ins Deutsche Reich zu kommen. Der Lohn der Strapazen sollten 20 000 Mark sein. So ganz ist nicht geklärt, ob es diese Wette wirklich gab, und ob er später das Geld bekam. Jedenfalls brauchte das Milchgesicht auch länger als die gewetteten zwei Jahre, nämlich 27 Monate.

Im Prinzip ist Horstmann auch nicht um die Welt geradelt, sondern vor allem geschifft. Denn bis auf seine Strecke von Deutschland nach England, der Ost-West-Passage durch die USA war das Schiff sein bevorzugtes Transportmittel. Gewiss, Pest und Cholera in Indien zwangen ihn, vom Plan abzurücken, von Japan nicht über China, Indien, Afghanistan, Ägypten Türkei und Rumänien nach Deutschland zu radeln, sondern den Seeweg nach Venedig zu nehmen. Doch auch in den USA stieg er zwischendurch gerne in die Eisenbahn.

TBuchdeckel Heinrich Horstmann Foto: Maxime Verlagrotzdem war es noch anstrengend genug. Er schlief fast immer unter freiem Himmel. Hatte keinen Schlafsack oder ein Zelt im Gepäck, sondern nur eine Decke. Mit nur einer Trinkflasche fuhr er durch den trockenen Süden der USA, in der kalifornische Wüste schwitzte er bei 51 Grad im Schatten und sah bereits große schlanke Kakteen als Telegrafenmasten an. Auf seiner Reise benutze er keine Karten, nur ein Kompass und die Auskunft der Einheimischen halfen ihm. Oft folgte er den Bahnlinien, denn Überlandstraßen waren sowieso selten. Zumal er am Bahndamm auf die Hilfe hoffen konnte, denn laut Gesetz waren die Zugführer verpflichtet, auf Verlangen mitten auf der Strecke anzuhalten, um Reisenden Wasser zu geben.

Wasser trank er aber nur zur Not. Am liebsten war ihm bereits am frühen Mittag ein kühles Bier. Kein Wirtshaus wurde umfahren, kein Bierpreis bleibt unerwähnt und jede Brauerei, die auf der Strecke lag, wurde besichtigt. Ganz genau kann man dies in Horstmanns Tagebuch nachlesen. Seine Aufzeichnungen hat er nach seiner Rückkehr veröffentlicht (womit er sich nicht von heutigen Weltumradlern unterscheidet).

Leider war Horstmann kein radelnder Thomas Mann, hatte auch nicht das Talent einer Ida Pfeiffer. "Meine Radreise um die Erde" erschien 1898 im Selbstverlag und wenn man es heute (in einer aktuellen Neuauflage) liest, weiß man den Grund zu kennen, warum sich damals kein Verleger fand.

Sein Buch ist eine eingedampfte (und zudem geschönte) Version seiner Tagebuchaufzeichnungen. Es überwiegen deshalb die chronologischen Abhandlungen, durch die sich dann der Leser seitenweise quälen muss: "In rascher Reihenfolge passierte ich Yonkers, Greenwood, Hastings, Irvington, Sing-Sang, und langte gegen Mittag in Peekskill an. Nach kurzer Rast ging´s über Garrsion, Nelsonville, Fishkill-Village und Wappingers-Fall und abend bei einbrechender Dunkelheit erreichte ich Poughkeepsie". Oder an anderer Stelle:

"Um 10 ½ Uhr verabschiedete ich mich und war fünfundzwanzig Minuten später bereits in Lenzburg, einem Örtchen von etwa fünfhundert Einwohnern, die ebenfalls meist deutsch waren. Weiter ging´s nach Marissa, wo ich eine um 4 Uhr anlangte und zu übernachten beschloss."

Sicherlich hatte dieser Mann viel zu erzählen. Doch es zu Papier zu bringen fiel dem gebildeten, fünf Sprachen sprechenden Deutschen wohl schwer. Nur selten erfährt man deshalb mehr als nur ein paar Sätze über das damalige Leben. Beispielsweise über die ausgewanderten Deutschen, die er offensichtlich ständig traf. Oder über Revolverhelden und Rothäute (mit langen schwarzen Haaren, wie Horstmann auffällt), über die faulen Mexikaner ("die wenigstens tanzen können"), über den Neger, der "bei lebendigem Leibe geröstet wurde" oder über die zwei Schwarzen (Horstmann nannte sie natürlich zur damaligen Zeit Neger), die sich im Kampf "mit Rasiermessern aufs liebenswürdigste bearbeiteten".

Horstmann wird auch Zeuge einer Schießerei in einem "Saloon", wie wir sie heute in jedem TV-Western sehen. Einer überlebt den starken Bleiflug nicht. Keinen stört es. Auch Horstmann nicht, der selbst mit Pistole und Gewehr bewaffnet war. Später tötete der Bursche mit zwei Schüssen einen Kojoten (den er für einen Wolf gehalten hatte) und dann eine Schlange, die einfach auf seinem Radweg krabbelte. Sechs Schuss war ihm das Reptil wert, und als es immer noch einen Mucks von sich gab, wurde es gesteinigt. Horstmann war schnell am Abzug. Mit einem Landstreicher machte er kurzen Prozess und beförderte ihn in einem Duell ins Jenseits. Im Tagebuch verschweigt er dies. Herausgefunden hat es der Herausgeber und Fahrradforscher Hans-Erhard Lessing, der sowieso in den Archiven viel über das Leben des Radfahrers ausgegraben hat. Viele Artikel sind seinerzeit von und über den Deutschen erschienen. Sie geben ein durchaus differenziertes Bild des jungen Mannes wieder. Ein Teil dieser Berichte ist im Nachwort von Lessing abgedruckt. Dieser Teil ist mitunter der spannendste des Buches.

Einen Großteil des Erzählung nimmt seine Tour durch die USA ein. Immerhin 240 von insgesamt 303 Seiten schildern diesen Trip. Vieles wiederholt sich dabei. Wovon der Deutsche seine Schiffspassagen und die ständigen Wirtshausaufenthalte bezahlte, wird nicht ganz geklärt, nur angerissen. Von Vorträgen, Artikeln und Gelegenheitsarbeiten ist die Rede. Jedenfalls kam er gesund nach Deutschland zurück, gründete ein Fahrradgeschäft in Hamburg, und wurde Generalvertreter der von einem Deutschen in Amerika gegründeten Fahrradfirma Crescent (auf dessen Produkte er seit Chicago vertraute). Später zog es ihn nach Berlin. In Berlin-Lankwitz, in der Tennstedter Straße 42, kaufte er eine Villa. Am Rankeplatz soll er ein Wein- und Tabakgeschäft besessen haben. Außerdem führte er einen Biervertrieb. Am 4. Mai 1945 ist Heinrich Horstmann in Berlin gestorben. Sein Grab auf einem Friedhof in Berlin-Lankwitz existiert nicht mehr.

 Mehr Infos auf der Verlagsseite

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